Nora Bachel | Christine Schörkhuber

„Ich habe mir also einfach überlegt, welcher Begriff mir als erster zu den Arbeiten der beiden eingefallen ist, und das war seltsamerweise der Begriff ,archaischʻ. Das mag Sie jetzt wundern, mich wundert’s auch, weil wir selbst zu diesem Bereich eigentlich wenig bis gar keine Affinität haben. Trotzdem muss es einen Grund dafür geben.“

Auf der Suche nach gemeinsamen Charakteristika der Werke von Nora Bachel und Christine Schörkhuber sei es ihm fast unangenehm gewesen, einen Begriff mit einer solch rückwärtsgewandten Bedeutung zu assoziieren, äußert sich Walter Zyx bei der Eröffnung der Strategischen Komplemente XI, „archaisch“ könne jedoch sinngemäß auch auf das Ursprüngliche, Fundamentale und Wesentliche angewandt werden – und das wäre viel eher in seinem Sinn. Zyx weiter: „Bei Nora denke ich nämlich schon an magische Situationen, an etwas wie Rituale. Die Konzentration auf die strenge Form des Kreises sagt mir, dass es dabei um Grundlegendes geht, ohne hochkulturelle Verzierungen, Schnörkel, Spielereien oder akademische Verirrungen und Verwirrungen. Und bei Christines Arbeit fällt mir nicht – wie wohl vielen – die Wolke ein, sondern etwas wie ein urtümliches Tier, das hier eigenständig herumrobbt und sich um uns nicht weiter kümmert, obwohl es auf uns bei Annäherungen und Berührungen sehr wohl reagieren kann.“ Wenn der Hausherr des TANK.3040.AT am Vernissagenabend so treffende Worte zu der gemeinsam mit Inge Graf kuratierten Ausstellung äußert, dann hat dies eine Bedeutsamkeit, die hier, in der theoretischen Begleitung und textlichen Festschreibung der Werkschau von Bachel | Schörkhuber, ihren Niederschlag finden sollte.

Wie bei allen Doppelausstellungen der Serie Strategische Komplemente gibt es jedoch nicht nur zwei Hauptprotagonist:innen, die Beachtung verdienen, sondern deren drei: neben den beiden Kunstschaffenden den Raum selbst. Der von den Medienkünstler:innen Graf+Zyx erdachte und als GrafZyx.Foundation umgesetzte Atelier- und Präsentationsbau, die „Kunstmaschine“ TANK.3040.AT, lädt zu kompromisslosen Experimenten ein, zwingt zum Verlassen der üblichen künstlerischen Denk- und Produktionspfade und motiviert auch die beiden Gestalter:innen der Ausstellung jedes Mal aufs Neue, auf gängige Muster in der Kuration zu verzichten. Beton ist unerbittlich und Glas verletzlich. Ersterer ist undurchdringlich, Letzteres ermöglicht die Kommunikation mit dem Außen und lässt es unweigerlich Teil der Gestaltung werden. Unter diesen Rahmenbedingungen muss gedacht und gehandelt werden. Aber auch das Publikum ist auf diese Weise gefordert. Schon bei Betreten des grey cube kommunizieren einzelne Elemente der Installationen mit den Besucher:innen, ziehen die Betrachterinnen und Betrachter herein in den TANK, sodass sie zum aktiven Gegenüber der künstlerischen Interventionen werden. Gerade die beiden in den Signalfarben Rot und Blau ausgeführten Kreis-Installationen von Nora Bachel vermögen dies auf unnachahmliche Weise. Als Kontrast dient dazu Christine Schörkhubers filigranes, sich ständig bewegendes und veränderndes Metallgewölk Gefüge/Cloud sowie ihre kinetische Soundinstallation Something in the air, die ebenfalls mit Bewegung im Raum überrascht, ja das atmosphärische Raumgefüge mittels Computerventilatoren förmlich durcheinanderwirbelt.

Die Strategie des kalkulierten Aufeinandertreffens zweier gegensätzlicher Positionen – bei aller verbindenden Archaik – geht auch diesmal wieder gut auf. Der Gesamteindruck ist – ein wenig gegen die Gepflogenheiten im TANK – diesmal kein lauter Clash, sondern ein harmonisches Ineinandergreifen, ein fließendes Ganzes – was vielleicht auch in der Natur von Bachel und Schörkhuber begründet sein mag, nicht auf Konfrontation, sondern auf Kooperation zu setzen.

Unter dem kurzen und prägnanten Titel Rot zeigt die in Wien geborene, an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien ausgebildete und – von zahlreichen Residencies im In- und Ausland abgesehen – auch in Wien lebende und arbeitende Nora Bachel ein eigens für den TANK konzipiertes, geometrisch abstraktes Werk: einen monumentalen, in der Hälfte aufgeklappten, roten Kreisring, der aus seitlicher Distanz an einen geöffneten, rotgeschminkten Mund oder ein Herz denken lässt. Ausgangsidee war das Schöpfen zweier in unterschiedlichen Rotnuancen eingefärbter Papierkreise, was in der Dimension von 2,40 Metern Durchmesser nur in vier Teilsegmenten geschehen konnte. Bachel ließ für die Produktion der Viertelkreise aus Hadernbüttenpapier eigens die Form aus Aluminium anfertigen. Diese wurde mit der roten Pulpe befüllt – einem Brei aus gerissener, von früheren Projekten recycelter Baumwolle, vermischt mit rotem Farbpigment und Wasser. Auf diese Weise entstand auch der chronologisch erste dieser papierenen Kreise, ein blitzblauer, der unter dem Titel Ornament, kein Verbrechen im November 2021 im Wiener Kunstraum sehsaal als Wandinstallation zum Einsatz kam und den TANK in adaptierter Form als Bodeninstallation Blau bespielt.

Zurück zu Rot: Die zwei auf diese Weise geschöpften und getrockneten Ringe werden – wie Edelsteine in Rahmen aus Stahl gefasst – als gekipptes Kreiselement im Raum wahrgenommen. Die beiden Papierringe sind Rücken an Rücken so in die Stahlrahmen montiert, dass das Objekt von der Vorder- und Hinterseite her betrachtet werden kann. Vorne ist eine hellrote und hinten eine etwas dunklere rote Seite zu sehen. Die zweite der dunkelroten Kreishälften muss, am Boden liegend und dadurch verdeckt, von den Betrachtenden zur vollen Kreisform ergänzt werden. Diese nahezu hypnotisch wirkende neue Arbeit erweitert das Spektrum in Nora Bachels Oeuvre zum Thema „Kreis“ in den Bereich skulpturaler Arbeiten.

Die Faszination für Geometrie, Kreissegmente und ornamental ineinander verschlungene Kreisformen nahm bereits 2003 bei Bachels Residency in Kairo ihren Ausgang. Dort war die Künstlerin vor die Aufgabe gestellt, eine große loftähnliche Ausstellungshalle mit acht tragenden Eisensäulen installativ in Besitz zu nehmen. Sie entwickelte dafür unter dem Titel Ornament im Raum eine labyrinthartige Struktur aus Kreisüberschneidungen, die die acht Säulen als jeweilige Mittelpunkte integrierte und den Boden des Raumes ornamental überzog. Das Material ihrer Wahl war in Kairo luftgetrockneter Ziegel aus gepresstem Nilschlamm – ein Konglomerat, aus dem färbige Partikel des im Nil befindlichen (Plastik)Mülls herausragten.

Das sensible Reagieren auf den Raum mit spezifischen Materialien ist eine prägnante Eigenschaft von Bachels Arbeitsweise. Ihre temporären Interventionen – keine dieser Arbeiten existierte je über den Ausstellungszeitraum hinaus – sind ephemer und nomadisch. Das Material löst sich bisweilen buchstäblich in Staub auf und die überdauernden Elemente finden an einem anderen Ort, in neuem Zusammenhang wieder Verwendung. So auch die Installation Via dei Cerchi, die „Straße der Kreise“, die 2014 in ihrer Urform für das Hotel Pupik im steirischen Schrattenberg entwickelt wurde. Diese zweiteilige, aus Karton, Gips, Grafit, Spiegel, Acryl und Schleiernessel-Bühnentextil bestehende Arbeit breitet sich einerseits in zwei konzentrischen Kreisen von 104 Zylindern (je 52 weiße und schwarze) mit Spiegeln auf der Oberseite auf dem Boden aus, andererseits kippt sie, wie Rot, in die Vertikale: durch das frei im Raum hängende, mit Ellipsen bezeichnete Bühnentextil. Die Konstruktion der Ellipsen auf dem Gewebe bezieht sich auf die Annahme eines Betrachtungspunktes aus 3 Metern Entfernung vom äußeren Zylinderkreis aus gesehen, in einer Augenhöhe von 170 Zentimetern. Von da aus ergibt sich die optische Täuschung der Abfolge von drei gleich großen Kreisen, deren erster aus den 104 Bodenelementen besteht und die folgenden in der zeichnerischen Konstruktion auf Textil angedeutet sind. In der perspektivischen Verkürzung sind de facto vier Ellipsen zu sehen, wobei die große, gezeichnete, die Komposition wie eine in den Hintergrund gerückte Spiegelung umschließt.

Mit dieser Installation wird die Wahrnehmung nicht nur bei der Betrachtung des Werkes selbst herausgefordert, sondern bricht auch mit den Wahrnehmungsgewohnheiten bezüglich des gegebenen Raums. Das vorhangartige Material erlaubt eine Transparenz, die die Durchdringung von Davor und Dahinter begünstigt und das Objekt Something in the air von Christine Schörkhuber in das Schauerlebnis miteinbezieht. Dieses geniale kinetische Soundobjekt der (nach Eigendefinition) Medien- und Klangkünstlerin, Videomacherin und Musikerin, die in der Szene auch unter dem Namen „Canned Fit“ bekannt ist, transformiert den Klang der menschlichen Sprache in die haptische Erfahrung von Luftbewegung. Die Tonaufnahme des von Schörkhuber in Anlehnung an physikalisch-wissenschaftliche Beschreibungen selbst auf Englisch verfassten und gesprochenen Textes wird auf den Stromkreis der Steuerung von Ventilatoren übertragen und generiert so aus Worten Wind beziehungsweise unregelmäßige Luftstöße, je nach Impuls durch die Sprache:
… they say wind is coming from a difference in temperature
they say wind is coming from a difference and my lungs produce adequate air flow and air pressure
to vibrate my vocal folds.
I raise my voice now and now and now …

Mit viel Phantasie lassen sich Wortfragmente in den Gebläsegeräuschen der rotierenden Motoren auch ohne Lautsprecher wiedererkennen. Es ist ein fast geisterhaftes Raunen und Flüstern, das manche Besucher:innen des TANK möglicherweise an „Stimmen aus dem Jenseits“ denken lässt, die bei den Anfang des vorigen Jahrhunderts so beliebten Séancen spiritistisch veranlagte Teilnehmerinnen erschauern ließen. Nüchterner betrachtet verweisen die Geräusche von Something in the air auf das Wesen des Sprechens im physikalischen Sinn – nämlich Schall, der sich als Longitudinalwelle in Gasen oder Flüssigkeiten ausbreitet.

Ähnlich physikalisch wie bei der 2017 konzipierten Arbeit geht es die an der Akademie der bildenden Künste bei Franz Graf und Dorit Margreiter ausgebildete, vielseitige Künstlerin, die auch als Kuratorin und Organisatorin von Klangkunst-Festivals fungiert, bei ihrem zweiten kinetischen Objekt an: Die 2019 entwickelte, für den TANK aber deutlich erweiterte Arbeit Gefüge/Cloud ist ein feines, von der Decke abgehängtes Gespinst aus gebogenem und geknittertem Metallgewebe – ein Material, das eigentlich für Industriesiebe verwendet wird, wie die technikaffine Künstlerin verrät. Der Begriff „Gefüge“ (aus der Werkstoffkunde entlehnt) kommt bei diesem poetischen Werk bewusst als Titel zum Einsatz, um die filigrane Wirkung der Konstruktion durch die physikalischen Gegebenheiten zu konterkarieren. Denn das amorphe, scheinbar atmende Geflecht reagiert auf Veränderungen im elektrischen Feld, die unter anderem durch die Gegenwart von Menschen und anderer Faktoren im Raum entstehen. So manifestiert sich in dieser beweglichen Plastik eine momentane soziale Konstellation, sprich: die physische Anwesenheit des Publikums im TANK, auch wenn dies für die Protagonist:innen kaum erkennbar ist.

Die Bewegung des Geflechts folgt aber auch einer eigenen, von Schörkhuber elektronisch programmierten Logik: Mittels Kapazitätssensoren und Mikrocontrollern werden sechs kleine Motoren durch elektronische Impulse gesteuert und damit das Metallgewebe in Regung versetzt. Strom ist hier aber nicht nur Werkzeug oder Mittel zum Zweck. Er ist als Material und physikalisches Medium integraler Bestandteil dieses Artefakts, das seine Umgebung be- und verzaubert. Bei aller technischer und konzeptueller Komplexität ihrer Arbeiten vergisst Schörkhuber nämlich nie auf die ästhetische Ebene: Das Gebläseobjekt Something in the air ist neben seiner faszinierenden technischen Funktionsweise in seiner rhythmisierten, seriellen Gestaltung einfach auch „schön“. Die schwebende Leichtigkeit der Form von Gefüge/Cloud, das Pulsieren der feinen Fäden, die bei gezielter Beleuchtung ein grafisches Netz auf Wände und Böden zeichnen, all das nimmt ästhetisch gefangen und löst positive, ja beglückende Emotionen aus – auch im Zusammenspiel mit den nicht minder ästhetisch gelungenen Arbeiten Bachels. Was will man mehr?

Quellen:
Eröffnende Worte von Walter Zyx am 1. Oktober 2022 im TANK.3040.AT;
Gespräche mit beiden Künstlerinnen im Vorfeld zur Ausstellung sowie beim Artist Talks am Vernissagenabend; die Websites www.norabachel.at und www.chschoe.net

 

Autor*in: Maria Christine Holter

Kunsthistorikerin und Kuratorin | www.mariaholter.at | @mariachristineholter