Zwei starke Frauen samt digitaler „Zauberbrille“

Julie Hayward und Ruth Schnell gastierten in der Langen Nacht der Museen im Neulengbacher TANK 203.3040.AT

Mit der Ausstellung „Julie Hayward | Ruth Schnell – Strategische Komplemente VIII“ hat die GrafZyxFoundation auch in Neulengbach einen spannenden Beitrag zur „Langen Nacht der Museen“ beigesteuert. Die gebürtige Salzburger Künstlerin Hayward zeigt ihre großformatigen, futuristischen Skulpturen, in denen die Grenzen zwischen Kunst und Design fließend verlaufen. Auch wenn die Titel der Arbeiten wie „When things fall apart“ und „Again and again“ einen Hinweis zu einer möglichen Interpretation bieten, lädt sie den Betrachter ein, selbst assoziative Vorstellungen zu entwickeln, die vom Aufweichen starrer Formen bis hin zum roboterhaften Geschöpf reichen, das mächtig einen Raum zu durchschreiten scheint.
Dieser kreative Findungsprozess beginnt bereits bei der ersten Idee zum Kunstwerk, wie Hayward einmal verriet: „Wenn ich eine Zeichnung anfertige, entwickelt sich erst nach und nach, was die Skulptur tatsächlich darstellt.“ Ihre Detailverliebtheit und ihr Faible für besondere Materialqualitäten werden vor allem an der Oberflächenstruktur ablesbar.

Als besonders spannend erweist sich die Gegenüberstellung mit den Arbeiten der Vorarlberger Medienkünstlerin Ruth Schnell, die bei Laurids Ortner, Edelbert Köb und Peter Weibel studierte und heute selbst an der Universität für angewandte Kunst in Wien unterrichtet. Ihr Ausstellungspart, die Installation COMBATscience Augmented, ist in ihrer Gesamtheit nur über technische Hilfsmittel wie etwa einer Datenbrille (HoloLens) erfahrbar. Hat man einmal die Brille aufgesetzt, legt sich über das real Gesehene ein kaleidoskopartiges Netz digitaler holografischer Szenarien, in die Schnell auch die Lebensgeschichten des Chemiker-Ehepaars Fritz Haber (1868 – 1934) und Clara Immerwahr (1870 – 1915) eingearbeitet hat. Habers Name steht exemplarisch für den Triumph und das Versagen der Wissenschaft im zwanzigsten Jahrhundert: Er ist nicht nur der Erfinder des Kunstdüngers, sondern war im Ersten Weltkrieg auch maßgeblich an der Entwicklung von Explosivstoffen und Giftgasen beteiligt, die Millionen Kriegstote zur Folge hatte. Seine Frau Clara, geborene Immerwahr, die ebenfalls Wissenschaftlerin war, erschoss sich wenige Tage nach dem Gasangriff in Ypern – zerbrochen an der Vorstellung, dass ihr Mann für die Grausamkeiten des Krieges mitverantwortlich ist.

Einmal mehr zeigte sich bei dieser gut besuchten Eröffnung, dass sich der kleine, feine Ausstellungsraum im Tank für Medien- und Objektkunst ideal eignet und neben der von Ursula Fischer überaus ambitioniert geleiteten Galerie eine gewichtige künstlerisch-intellektuelle Achse am Lieglweg bildet. Neben Freunden und Künstlerkollegen wie Roland Schöny von der Universität für angewandte Kunst, der Skulptur- und Fotokünstlerin Theres Cassini und der Kunsthistorikerin Silvie Aigner zeigten sich auch Stadträtin Maria Riegler sowie Christian und Siminette Mayer tief beeindruckt von diesem futuristischen Blick. Bis spät am Abend gab es daher ein G`riss um den empfehlenswerten Blick durch diese „Zauberbrille“ die noch bis 20. Oktober für Neugierige bereitliegt.

 

Autor*in: Hannes Etzlstorfer

Kunst- und Kulturhistoriker, Ausstellungskurator und Kulturjournalist. Konzeption und Mitarbeit an vielen Ausstellungen zur Kunst- und Kulturgeschichte im In- und Ausland. Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher.