Kompatibilitäten des Raums

Waltraut Cooper und Ona B., zwei Künstlerinnen, die viel verbindet und viel trennt, in einer Ausstellung zu sehen, ist von der Spannung der Gegensätze geprägt und zeigt die Kompatibilitäten des Diskurses der Kunst der Gegenwart zwischen globalen Themen der Menschheit und individuellem Denken und Empfinden.

Beide Künstlerinnen beherrschen den großen Raum. Sie wissen ihn zu verwandeln, in Szene zu setzen. Sie verstehen Effekte und Akzente zu setzen, die auf brisante Themen der Zeit den Finger legen.

Und beide sind höchst emanzipierte Künstlerinnen, die Kunstbetrieb und gesellschaftliche Konstruktion von Weiblichkeit mit ihrer Kunst infrage stellen. Waltraut Cooper behauptet sich als Wissenschafterin wie auch Künstlerin im männerdominierten Milieu wie auch Ona B., die schon in früheren Jahren es in der Künstlerinnengruppe „Die Damen“ verstand, scharfe pointierte Reaktionen von einem feministischen Standpunkt auf Gesellschaft, Werbung, Sexismus und Machismus zu äußern.

Waltraut Cooper zählt zu den Pionier*innen der digitalen Kunst. Obwohl Lichtkunst eine Männerdomäne ist, hat die Künstlerin sich mit Verve und Können durchgesetzt. Sie hat nicht nur Kunst, sondern auch Mathematik und theoretische Physik in Wien, an der Sorbonne in Paris, in Lissabon Grafik und in der Frankfurter Städelschule studiert. Cooper ist eine extrem weltoffene Künstlerin, sie hat in aller Welt Ausstellungen und Lichtinstallationen erdacht und realisiert. Viermal war sie zur Biennale in Venedig eingeladen.
Waltraut Cooper ist Lichtkünstlerin mit vollem Herzen. Mit sehr viel Energie in Umsetzung und Kunst bespielt Sie Fassaden mit farbigem Licht, taucht Treppenhäuser in flirrende Lichtbahnen, lässt Wasserflächen schweben und erleuchtet riesige Architekturen vom Kolosseum in Rom bis zum Olympiastadion in Peking. Die monumentalen Lichtinstallationen sind humane Botschaften. Denn oft versteckt sich im Wechsel der Farben digital codierter Text. In ihrem Medium des Lichts sendet sie verschlüsselte und dennoch für den Kundigen lesbare Nachrichten in die Welt. Friedensbotschaften zumeist, wie bei ihrem größten Werk, der Regenbogentrilogie, für die sie in ausgewählten Metropolen der Welt historisch bedeutende Bauwerke in farbiges Licht taucht.
Durch ihr wissenschaftliches hervorragendes Wissen hat Cooper die Möglichkeiten, ihr künstlerisches Denken sogleich auch technisch umzusetzen und abzubilden. Oft verwendet sie für ihre Lichtinstallationen bedeutende und symbolhafte Texte, die sie ins binäre Zahlensystem überträgt. Mit dem binären System, das auf der Zweierpotenz basiert, kann man alle Zahlen abbilden und auch damit rechnen, obwohl sie im binären System nur aus Nullen und Einsen bestehen. Die Null und die Eins entsprechen „Licht an“ und „Licht aus“. Cooper benutzt einen fünfstelligen binären Code, da es im deutschen Alphabet 26 Buchstaben gibt, also fünf binäre Stellen ausreichen. Die Zahl 1 im fünfstelligen binären System ist: 00001. Die Zahl 26 ist: 11010. Der erste Buchstabe A hat bei ihr folglich, wie die Zahl 1, den Code 00001 – das Z, wie die Zahl 26, den Code 11010.
Das Gebiet der künstlerischen Forschung der Digitalen Kunst ist für Waltraut Cooper die Erschließung neuer Felder für die Kunst und künstlerische Praxis durch Nutzung von Informationstechnologie, der Hardware und Software als Gestaltungsressourcen und Gestaltungsmittel sowie der Anwendung der Metaphern und Gestaltungsprinzipien zeitbasierter Kunst in Film, Video, Audio und interaktiver Medienkunst. Die Algorithmik, Sensorik, Robotik und neue bildgebende Methoden überspannen und übertragen sich auf die klassischen Kunstformen wie Skulptur, Architektur, Stadtbild, Landschaft, Raum etc.
Coopers Werke, wie etwa die Lichtinstallation „UNO“ am Austria Center in Wien, handeln vom Frieden und sind ein Appell an die Menschheit. Der große Zyklus „Rainbow Trilogy for peace“ hat historisch bedeutende Gebäude in den Farben des Regenbogens ins Licht gesetzt. Die zeitliche und geografische Dimension dieser Arbeit umfasst Jahrzehnte und hat sich von Österreich aus über Europa zu dem bisher größten Projekt der Künstlerin entwickelt, das auf allen Kontinenten zu sehen war.
2004 war die erste Lichterregenbogen über Europa gespannt worden. Anlass war der Beitritt von zehn neuen Mitgliedsstaaten zur EU.
Wie ihr Charakter ist ihre Kunst quirlig und lebendig, immer offen für Diskurs und Themen, die von höchster Aktualität und Brisanz sind.
Die große Dimension ist für die Künstlerin wichtig, die ideale Projektionsfläche ist somit die Architektur, Gebäude oder -teile, die sie permanent oder in performativer Weise in das rechte Licht rückt. Wichtig ist hier auch die unmittelbare Interaktionsfläche, die zwischen den Betrachter*innen/Besucher*innen besteht und gleichsam die Botschaft übermittelt: Menschen, werdet Brüder/Schwestern!

Ona B. hat in ihrem Werk besondere Zugänge zur Gesellschaft und Umwelt in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt. Ausgehend von ihren eigenen, sehr persönlichen Erfahrungen des Lebens und Wirkens werden wir konfrontiert mit den größeren Zusammenhängen aktueller Entwicklungen des menschlichen Lebens und der Existenz. Als multimedial tätige Künstlerin versteht Ona B. ihre Anliegen umzusetzen. Ob in der von der Farbe ROT dominierten sphärischen und figuralen Malerei oder Tableaus aus Objekten und großangelegten Installationen, die sich aus den oft musealen Räumen in die Landschaft bewegen, gelingt es Ona B., die Dynamik des Alltags und dessen Wandel zu dokumentieren.
Musterhaft ist die Installation von Oberlech am Arlberg zu erwähnen, wo sie Vorrichtungen zum Heutrocken, Stecken in Kreuzform – sogenannte „Hoanzn“ – zu großen skulpturalen Gebilden formte und in der gebirgigen, verschneiten Landschaft präsentierte. Diese Installation erfolgte als kontrastreiche Transformation vom Berg in die Metropole dann auch im felsigen Gelände des Centralparks in New York.
Dem Machtanspruch eines Machismus – einer Kultur und Verhaltensweise, die auf der Unterdrückung der Frau und dem Gefühl der Überlegenheit des Mannes basiert – setzt Ona B. strategisch ihre Stilmittel und ihr ganzes Können ein. Sinnvoll und sinnlich geht sie ebenso mit ihrem eigenen Körper in den Einsatz in Performance und allen anderen ihr zur Verfügung stehenden Medien. Sei es Gesang, Spiel, Literatur, Video oder Film, es ist der große Ausdruck und der folgende große visuelle Eindruck, der imponiert.
Ebenso ist auch das Intime und Private für Ona B. höchst politisch und die Darstellung des weiblichen Körpers und die vorherrschenden Schönheitsideale werden in ihren Werken hinterfragt und kritisiert. So montiert sie die männliche Fantasie erotisch anregende Stilettos an Krücken an und konterkariert heutiges Sein und morgiges Leiden (oder auch umgekehrt). Ein Rollstuhl mit ebensolchen Stöckelschuhen steht als Metapher für den Fortgang des Lebens.
Rote Stoffbahnen über sinnliche Körper gespannt vereinen Mann und Frau wie ein Meer und verwischen die Grenzen beider.

Die Werke von Waltraut Cooper und Ona B. müssen nicht lange warten, bis sie sichtbar und vor allem verstanden werden. Beide sind Meisterinnen der Darstellung und der Medien und der entsprechenden Präsentation. Die Präsentation in der GrafZyxFoundation hat dank der beiden Promotoren der Kunsthalle zu höchst interessanten neuen Sichtbarkeiten geführt.

 

Autor*in: Peter Bogner

Kunsthistoriker. 1998–2002 Generalsekretär des Verbandes österreichischer Galerien moderner Kunst, 2005–2011 Vorsitzender des Verbandes österreichischer Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, 2002–2012 Direktor des Künstlerhauses, seit 2013 Direktor der Lillian und Friedrich Kiesler Privatstiftung