GRAF+ZYX: Pilot Streams

Graf+Zyx arbeiten seit Jahrzehnten in dieser Lebens- und Arbeitsgemeinschaft als Brand, als Firma; sie sind der Kunstwelt in dieser Verflechtung von Talenten, Philosophien und Strategien eingeschrieben, darüber hinaus auch in angewandten Bereichen. In ihrem Jahresprogramm 2021 kosten sie nun einmal in zwei raumgreifenden Installationen am 19. Juni und am 3. Juli ihr weilläufiges Raumspektrum aus, welches reale und virtuelle Komponenten mischt, ein wenig nach Neigungen der Einzelpersonen ausgelegt, aber doch wie immer als eines ihrer „Mediensynthetischen Programme“.

Mit den Ausbildungen im Gepäck, Graf mit Studien der Politikwissenschaft und Publizistik, sowie Fotografie und Film, Zyx mit Klassischer Violine und Indischer Musik, sowie Psychologie und Philosophie, haben sie seit 1980 eine gemeinsame Wanderschaft durch viele Räume angetreten. Jetzt sind sie in ihrem gemeinsamen Haus gelandet, welches sie auch als Architekten konzipierten, im TANK.3040 AT, den man auch als Raumschiff sehen kann, im Besitz der Firma Enterprise.

Was erwartet uns nun als Passagiere, als Besucher in dieser Raumstation? Eine Reise in die „Neue Normalität“ mit all den begrenzenden Bürokratien nur notgedrungen, am Rande, denn als Ideologie steht nicht das Opferspektrum und der neu entflammte Hautfarbendiskurs oder die Gesundheitsdiktatur zur Debatte, sondern die unendlichen Weiten bereits vorhandener und noch zu erwartender Verflechtungen von Natur und Kunst, von realen und erdachten Räumen, von unzähligen neueren, älteren, oder noch zu schaffenden Technologien.

Zu den beiden Raum im Raum Installationen gibt es auch eine Webseite, selbstredend mit Konzept, Erwägungen der Künstler, Fotos, Videos, Lebenslauf ausgestattet und ebenfalls selbst gestaltet, daher macht es mehr Sinn dieses Kompendium der Ideen zu umkreisen und in eine soziale, künstlerische und technologische Umwelt einzubetten.

Auffällig war und ist bei den beiden Künstlern, dass sie stets neues Gerät anschafften, sich mit diverser Software befassten, aber sich nicht an Plattformen beteiligten wie etwa Second Life, einer Infrastruktur für Benutzer zum gestalten virtueller Welten, welche 2003 vom Designer Philip Rosedale und dem Linden Lab entwickelt wurde, sogar ein eigenes Geld hatte, den Linden Dollar, und neben vielen Technikbegeisterten auch von diversen Künstlern eine Zeit lang genutzt wurde. Immer wieder wurden Initiativen ins Leben gerufen, die mit bis zu einem gewissen Grad gestaltbaren Avataren Nutzern die Möglichkeit boten ein virtuelles Leben in einem ebensolchem Umfeld zu führen, wie etwa AltSpaceVR, das auch manche Künstler ansprach. Aber wenn man von Grund auf neu konzipieren möchte, ist das wohl ein zu enges Feld; Graf+Zyx versuchten für jede Präsentation ein neues Umfeld zu schaffen. Die breitenwirksame Spielewelt, wie etwa Pokémon Go mit vorgegebener Ästhetik und wechselnden Räumen, oder die zielgerichteten Angebote um eine fast naturgetreue Welt zu kreieren wie Meet the MetaHumans kann offenbar auch nicht locken, jetzt haben Graf+Zyx zu einer Variante gefunden, V-I-R.US/ Virtuality- Is-Reality. UnboundedSpace ist einstweilen einmal ein Raster der noch zu befüllen ist, sich als Webseite darstellt und als Ergänzung zum TANK.3040.AT dem realen Raum gedacht ist und sich mit diesem vernetzt.

V-I-R.US kann man vielleicht eher mit Vorläufern in Verbindung bringen, die Cyberspace dachten und erdachten als Handlungsraum der noch nicht technisch umgesetzt war und auch keine direkte Anleitung dafür bot, wie der Cyberspace den William Gibson 1984 in seinem Roman Neuromancer entwarf. Auch Stanislaw Lem hatte die „Entdeckung der Virtualität“ bei Suhrkamp´s „Phantastischer Bibliothek“ herausgebracht, und in dem Buch „Der futurologische Kongress“ eine unglaublich verstörende Geschichte entworfen, die gerade jetzt, jener der weltumspannenden mysteriösen Erwägungen und Praktiken zu einem Virus ähnelt, mit erfundenen Worten und Begriffen, Gerüchen und Wahrnehmungen, Erinnerungen und neuen Lebensrealitäten, in die ein Astronaut beim Besuch des Kongresses schlittert, der alle Erfahrungen im Weltraum an Überraschungen übertrifft.

Große Frage: Kleines Gerät:

Wie machen die Künstler nun das BESONDERE? Mit riesigem Aufwand wie Konzerne wo sehr viel Geld drin steckt? Wohl kaum. Eine Notiz ist der Schlüssel: Programmiert mit Raspberry Pi ? Das ist ein winzig kleines Gerät, ein Computer der nur die aller nötigsten Komponenten besitzt und nur mit jener Software bespielt werden kann, die man aufbringt.

In der Leere liegt die Kraft könnte man sagen, befreit von all der unnötigen Ausstattung, die man mit jedem Computer kauft, ist man so auf das Essentielle zurück geworfen.

Beworben wird das Gerät mit: Vorwissen? Ihr Erfindergeist reicht völlig aus.

Von der Masse zum Besonderen, vom auf Knopfdruck oder Ein-Klick zu frischer geistiger Nahrung führt der Weg oft über Reduktion. Die Neuen Technologien haben uns nicht kreativ gemacht, sie haben uns eher in Abhängigkeiten katapultiert – was automatisch erreichbar ist, lässt auch Fähigkeiten verkümmern. Einfache Verfügbarkeit ist eine Verführung. Mit aktuellen Möglichkeiten azyklisch umgehen, das zeichnet Künstler aus, sie machen sich oft mehr Arbeit als nötig zu sein scheint, das Resultat ist aber vielleicht Neuland.

Umgekehrt kann man nicht davon ausgehen, dass das künstlerische Angebot irgendetwas klärt, einen Weg durch mediales Dickicht weist das uns täglich umgibt, im Gegenteil, die Raumerfahrung wird verdichtet indem permanent zeitliche Ereignisse die Raumerfassung unterlaufen. Ein Überangebot an angeblich praktischen Apps, Tools und Gerätschaften wird konterkariert durch ein Überangebot von Sehbarem und Hörbarem welches man erst für sich zusammen reimen kann, oder sich einfach dem Strom ungewohnter Ereignisse hingibt.

Ausweglose Machtkonzentration: Digitale Alternativen?

Wir alle wissen inzwischen, dass uns die „Sozialen Medien“ reingelegt haben mit der Verwertung unserer Daten die wir vorerst freiwillig preisgegeben haben. Wir ahnen dass wir das Finanzsystem nicht durchschauen, jedenfalls aber nicht im Griff haben. In „The Age Of Surveillance Capitalism“ von Shoshana Zuboff (sie wirkte an der Harvard Law School) beschreibt die Autorin detailliert wie es zu dem Überwachungskapitalismus kam. Diese Frau hatte übrigens schon Ende der 80er Jahre „In The Age Of The Smart Machine“ angedeutet wo die Reise hingehen wird. Ausweglose Machtkonzentration? Vielleicht? Der Kampf um eine humane Zukunft ist jedenfalls angesagt.

Anders Szenario: Über Cryptocurrencies wird vor allem dann berichtet, wenn Bitcoin tolle Gewinne macht, die Technologie welche Bitcoin erst möglich machte, Blockchain, ist dabei nicht im Fokus. Die Blockchain Technologie kann man auch anders einsetzen und nützen. Was man da alles machen könnte, oder bereits macht, lässt sich in Blockchain Revolution, geschrieben von Don und Alex Tapscott, nachlesen (merke: Vater + Sohn, Technoligie ist kein Privileg der Jugend).

Und jetzt, kürzlich kam ein Mail der Postmasters Gallery (New York), mitgeteilt wurde, dass einer ihrer Künstler, Kevin McCoy, mit seiner NFT Arbeit „Quantum“ bei der Versteigerung von „Natively Digital“ für diese Arbeit 1.472 Millionen Dollar erhalten hat, und der Künstler in der kürzlich bei Postmasters errichteten Blockchain gelistet ist. Vor 10 Jahren lief der Diskurs international noch darüber, ob Kunst die nur im Netz verfügbar ist je vermarktbar werden könnte und wie?

Vor wenigen Jahren begann man in der Kunstwelt einen Focus auf Digital Natives zu legen, Künstler die so jung sind, dass sie eine Welt ohne Computer, Internet, Handy nicht kennen.

Hier und heute ist es angezeigt zu überlegen wie Künstler sich dahin entwickelt haben. Graf+Zyx habe ich in der Secession kennen gelernt mit kleinen bunten Bildern die zu kleinen Metallobjekten geformt waren, welche flügge geworden, sich auf einer Wand niederließen wie ein Schwarm exotischer Vögel. Später sah man Rauminstallationen mit farbigen Objekten die sich auch als Möbel nutzen ließen. Dann kamen Objekte, Skulpturen welche einen Monitor inkludiert hatten, mit sozusagen „Fernsehprogramm“, den Videos von Graf+Zyx. Zug um Zug wurden alle technologischen und digitalen Errungenschaften auf ihre Brauchbarkeit für Kunst-Produktion ins Auge gefasst, inklusive von Avataren, Personen die als Konstrukt selbstständig unterwegs waren, wie etwa Tamara Starr. Gleichzeitig wurden aber auch die eigenen Körper als Werkzeug und Ausdruck eingesetzt, real oder animiert. Wie benennt man Künstler die in ihrer Entwicklung viele Phasen durchlaufen haben und fast jede Technologie im Einsatz hatten, einen Roboter gebaut haben für Kunst am Bau, das Präsentationsumfeld real und im Internet für die Ausstellungen im Tank, Kataloge als Grafiker gestaltet haben, Texte zu Ereignissen als könnte man sagen Galeristen lieferten und ebenso zu ihren eigenen Arbeiten, und immer wieder zu Phasen in ihrer Kunstproduktion ein gleichsam philosophisches Konstrukt, ein eigenes Lable entwarfen, wie etwa Mediensythetische Programme.

Nach wie vor werden Künstler in Schubladen gesteckt, das ist auch nicht verwerflich, denn irgendwo muss man ja anfangen den Weg zu beschreiben; bei Graf+Zyx ist das aber sehr schwer, die Reise ist lang und die Stationen mannigfaltig. Art and Science, Crossover, greift nicht wirklich, hinzu kommt die Erwägung, dass zwischen einem Autor unter einem Pseudonym und einem Avatar, zwischen einer Collage und einem modifizierten Bild mit Photoshop der Unterschied nicht wirklich essentiell ist, es sind nur Ausformungen in zeitbezogener Technik. Wenn man alt genug ist, und auch wach genug, dann hat man all diese Entwicklungen aktiv mitgetragen. Es bleibt noch eine Frage: The Artist In The Machine, The World of AI-powerd Creativity (Arthur I. Miller) brauchen wir das überhaupt? Sind nicht die Künstler die beste „Artificial Intelligence“?

In „The Mystical House Of Chromecast“ (Chromecast – eine Übertragungsteil von Computer zum Fernseher oder Monitor) ist jedes technisch notwendige Detail gestaltet, der Sendeturm, der Theatersaal (Realraum) Bewegungsmelder, Videos, Animationen, als unverzichtbarer Teil eines Gesamtkunstwerkes, welches auch im Internet auf einer Webseite abrufbar ist. Die Ästhetik ist strikt und marginal, geometrische Figuren mischen sich in zeitlichem Ablauf, der Sendeturm ist gleichzeitig ein Raumgefüge und die Besucher spielen auch mit.

In „R:G:B [:G] Color Spaces Of A Virtual Universe“ bewegen sich auf der Basis der Farbenlehre animierte symbolische Personen und mischen das Raumerlebnis auf, welches sich ständig verschiebt. Im Realraum sind dadurch die temporär eingefärbten Besucher Teil des Kunstwerks. Außen und Innen ist nicht festgeschrieben. Die Soundkomponente ist dabei ebenso wichtig, weil sich auch ein Hörraum ergibt, der sich in der Raum im Raum-Installation vermutlich ebenso verschiebt. Im Internet bleibt dann letztlich fast alles erhalten, endlos abfragbar, bis, ja bis auf das Gefühl, welches jede Person im Realraum selbst erlebt.

Lassen sie sich überraschen, real oder im Internet

 

Autor*in: Jana Wisniewski

JANA WISNIEWSKI ist Künstlerin, freie Kuratorin und Kunstpublizistin und vieles mehr. Aus der seit den 1980-er Jahren regelmäßigen Zusammenarbeit insbesondere im Bereich Möbeldesign ist im Lauf der Zeit eine langjährige Freundschaft geworden.